Thema Diabetes bei Degus
Aus DeguWiki
Liebe Degu-Freunde
Vielen Dank für Eure rege Teilnahme am Diabetes-Fragebogen!
Insgesamt gingen 64 ausgefüllte Fragebögen ein (Stand: März 2003), was recht viel ist, wenn man bedenkt, dass nur etwa jeder
zehnte Degu einen Diabetes bekommt. Trotzdem freue ich mich natürlich über jeden weiteren ausgefüllten Fragebogen, da dieses Thema nach wie vor leider relativ unerforscht ist.
Im Folgenden werde ich Euch zunächst kurz die Diabetes-Erkrankung erläutern, dann die Ergebnisse meiner Umfrage stichpunktartig aufführen und zuletzt meinen persönlichen Kommentar zum Thema schreiben. Ich habe mich bemüht, nicht mit Fachwörtern aus der Tiermedizin um mich zu schmeißen und hoffe, dass der Text leicht verständlich und übersichtlich genug ist.
Definition
Diabetes mellitus/Zuckerkrankheit
Unter Diabetes mellitus versteht man eine Erkrankung, die sich durch Störungen der Synthese, der Freisetzung, des Transportes, der Wirkung bei den Erfolgszellen bis hin zum Abbau des Hormons Insulin auszeichnet. Insulin wird im endokrinen Teil ( = den Zellen, die Botenstoffe ins Blut abgeben) der Bauchspeicheldrüse gebildet und bewirkt im Blut eine Blutzuckersenkung. Zucker ist bei uns Lebewesen ein wichtiger Energieträger, ohne den wir gar nicht leistungsfähig sein könnten.
Durch Nahrungsaufnahme steigt die Zucker-Konzentration im Blut rasch an und fällt in den Stunden danach stetig ab. Damit ein Lebewesen trotzdem den ganzen Tag lang eine gleichhohe Energiemenge aus dem Blut beziehen kann, hat die Natur ein Regelsystem entwicklelt. Dabei reguliert das Insulin und verschiedene andere Substanzen den Blutzuckerspiegel durch Auf- und Abbau. Wichtigster Gegenspieler des Insulins ist hier das Hormon Glucagon. Bei Störungen an nur einer Stelle dieses komplexen Systems kann sich beispielsweise ein Diabetes mellitus entwickeln.
Diabetes kommt übrigens sowohl beim Menschen als auch bei Tieren vor, ist aber von Spezies zu Spezies sehr unterschiedlich ausgeprägt. Trotzdem unterteilt man in der Tiermedizin den Diabetes mellitus in dieselben beiden Typen wie in der Humanmedizin:
- I. Primärer Diabetes mellitus (kurz DM)
- Insulinabhängiger DM (Typ I) Synthese und Freisetzung des Insulins sind vermindert oder gar komplett eingestellt
- Insulinunabhängiger DM (Typ II) Transport des Insulins ist gestört oder die Erfolgszellen sind resistent gegen die Insulinwirkung
- II Sekundärer Diabetes mellitus
Durch Überproduktion antagonistischer Hormone des Insulins (Antagonisten = Gegenspieler, die unter gesunden Bedingungen z.B. den Insulinspiegel in einem Gleichgewicht halten) wird zunächst die Insulinproduktion in den Zellen des endokrinen Teils (s.o.) der Bauchspeicheldrüse stark angeregt. Schließlich gehen die Zellen vor Erschöpfung zugrunde; die Insulinproduktion versiegt.
Typische Symptome des Diabetes mellitus
-> diese müssen allerdings nicht immer alle zugleich bei einem Tier auftreten!
- vermehrter Durst und vermehrte Urinabgabe
- gesteigerter Appetit, trotzdem nimmt das Tier ab
- Schwäche und Trägheit
- erhöhte Infektionsneigung
- schlechte Wundheilung
- Linsentrübung (Katarakt, grauer Star), manchmal in Verbindung mit Linsenluxation ( = Linse verschiebt sich von ihrem normalen Platz im Auge), führt zur fast vollständigen Erblindung, nur "hell" oder "dunkel" kann noch wahrgenommen werden.
Zur Entstehung der Linsentrübung durch Diabetes siehe Kapitel Diabetes.
Therapie
- Verabreichung von Insulin
- Kohlenhydratarme ( = zuckerarme) Ernährung
- grauer Star: Operativer Ersatz der Augenlinse (bei Degus aufgrund der geringen Größe der Tiere aber eher unrealistisch)
Wirklich heilbar ist die Erkrankung bei Degus leider nicht. Manche Degu-Halter haben den Eindruck, dass die Linsentrübung mal besser und mal schlechter wird. Dies ist aber im Grunde nur eine "optische Täuschung": Durch den unterschiedlich starken Lichteinfall vergrößert bzw. verkleinert sich die Pupille der Augen, so dass man mal weniger und mal mehr von der weißen Linse (die ja hinter der Iris sitzt) zu sehen bekommt. Dass die Pupille sich noch bewegen kann, ist aber immerhin ein deutlicher Beweis dafür, dass die Tiere Hell und Dunkel noch voneinander unterscheiden können. Denn nur durch das Auftreffen von Lichtstrahlen auf die Sehzellen der Retina (Schicht ganz hinten im Auge) bewegt sich die Iris entsprechend.
Ergebnisse der Umfrage
- Alter: Auffallend ist, dass Degus gehäuft im Alter von 1/2 Jahr und 2 1/2 -3 Jahren an Diabetes erkranken. Über einem Alter von 3 1/2 Jahren erkrankte kein Tier mehr.
- Geschlecht: Männchen erkranken wesentlich häufiger als Weibchen. Ca. 80% der kranken Tiere waren männlich.
- Linsentrübung: Fast alle Degus bekommen innerhalb kürzester Zeit auf beiden Augen einen grauen Star und erblinden. Die Tiere mit einseitigem grauen Star sind alle erst kürzlich erkrankt.
- Überlebenszeit nach Ausbildung der Linsentrübung: Erkrankte Tiere sterben entweder ziemlich bald nach Ausbruch der Erkrankung (etwa bis zu einem 1/2 Jahr danach) oder werden normal alt.
- Gewicht: Hier variieren die Ergebnisse stark. Eine Tendenz zum Abmagern ist jedoch erkennbar, aber nicht unbedingt aussagekräftig.
- Ernährung: Etwa 90% aller erkrankten Degus bekamen vor Ausbruch der Erkrankung unterschiedlich große Mengen an zuckerhaltiger Ernährung (Drops, Obst o.ä.). Diese Tiere wurden aber alle in einer Gruppe mit gesunden Tieren gehalten, welche die gleiche Fütterung bekamen.
- Verwandtschaft: Nur von ca. 45% der Tiere sind blutsverwandte Tiere bekannt. Von diesen 45% waren in sämtlichen Fällen Diabetes-Erkrankungen in naher Verwandtschaft bekannt.
- Therapie-Versuche: Homöopathische Mittel (4x), Insulin-Spritze (1x), zuckerarme Ernährung
- Glucose-Messungen des Blutes: Bei drei Tieren ist der Glucose-Wert gemessen worden und war in allen drei Fällen stark erhöht.
Kommentar
Auch wenn die vorliegenden Ergebnisse natürlich nur der Ansatz einer Untersuchung zum Thema Diabetes beim Degu sein können, ergeben sich doch einige interessante Auffälligkeiten wie z.B. das Geschlecht (männlich) und das Alter der erkrankten Tiere.
Vielleicht beruhigt es auch den einen oder anderen Degu-Halter, dass erkrankte Tiere entweder ziemlich bald nach Ausbruch der Erkrankung sterben oder nach Ablauf eines halben Jahres gute Chancen haben, ganz normal alt zu werden.
Zur Ursachenforschung hinsichtlich Diabetes (also z.B. in bezug auf die Frage, um welchen Typ von Diabetes es sich handelt) können diese Ergebnisse natürlich nicht viel beitragen. Hierzu wären an einer repräsentativen Anzahl verstorbener Tiere eingehende pathologische und histologische Untersuchungen der Organe (insbesondere der Bauchspeicheldrüse) notwendig. Aus den wenigen mir vorliegenden Obduktionsergebnissen von vormals Diabetes-kranken Tieren geht jedoch hervor, dass die Bauchspeicheldrüse extrem vergrößert und auch von der Konsistenz her stark verändert ist. Diejenigen Fälle, in welchen Messungen des Glucose-Werts vorgenommen wurden, zeigten diesen bei den erkrankten Tieren als stark erhöht.
Diesbezüglich ist allerdings anzumerken, dass generell noch nie bei einem Degu von Geburt an regelmäßige Blutproben zur Glucose-Untersuchung genommen wurden. Ebenso wurden noch nie kontinuierlich die Glucose-Werte kranker mit denen gesunder Tiere verglichen (zumindest habe ich in der Fachliteratur hierzu bislang noch nichts gelesen).
Auffallend ist in jedem Fall die familiäre Häufung von erkrankten Tieren. In einigen Zuchtlinien scheint die Wahrscheinlichkeit definitiv höher, dass Tiere erkranken. Jedoch kann Inzucht in Käfighaltung als alleinige Ursache wohl ausgeschlossen werden, da selbst bei Untersuchungen in freier Natur in Chile Tiere mit Linsentrübung eingefangen wurden. Aufgrund ihrer Erblindung erschienen diese Wildtiere vermutlich weniger scheu als ihre gesunden Artgenossen und waren daher leichter einzufangen. In freier Natur überleben Degus nach Auftreten des Katarakts nicht sehr lange, da sie aufgrund Ihrer Orientierungsschwäche ihren natürlichen Feinden (z.B. Raubvögel) schutzlos ausgeliefert sind.
Zur Therapie von Diabetes-kranken Degus sind meines Wissens nach bisher keine einschlägigen wissenschaftlichen Untersuchungen durchgeführt worden.
Interessant erschiene es in diesem Zusammenhang, in einer größeren Gruppe von erkrankten Tieren verschiedene Therapie-Ansätze (z.B. blutzuckersenkende Homöopathika oder Insulin-Gaben) vergleichend zu testen, um Aufschlüsses darüber zu bekommen, ob eine Therapie überhaupt sinnvoll ist. Ich selbst bin persönlich nicht mehr allzu überzeugt davon, dass eine zuckerhaltige Fütterung alleine zum Ausbruch der Erkrankung führt - dazu gibt es zu viele Fälle von Tieren, die trotz zuckerhaltiger Fütterung nicht erkranken; ebenso bietet das gehäufte Auftreten der Erkrankung bei männlichen Tieren Anlaß zu Zweifeln. Dennoch empfehle ich einen generellen Verzicht auf stark zuckerhaltige Nahrungsmittel bei der Fütterung, da neuere wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben, dass in Degu-Gruppen, die eine zuckerarme Ernährung erhielten, das Risiko an Diabetes zu erkranken wesentlich reduziert worden konnte (im Vergleich zu Gruppen, die mit herkömmlichem zuckerhaltigen Futter ernährt wurden). Zudem kommen Degus in freier Natur praktisch nie mit so kohlenhydratreicher Kost wie Drops oder Obst in Kontakt. Diese für die kleinen Nager ungewohnten Nahrungsmittel belasten also unnötig zusätzlich deren empfindliches Verdauungssystem. Bei Diabetes-erkrankten Tieren halte ich es sogar für ein absolutes Muss, auf die Gabe von Leckerlis gänzlich zu verzichten, da falsche Fütterung die Krankheitssymptome noch verschlechtern kann.
So - ich hoffe, ich konnte Euch ein wenig mehr über diese weitverbreitete Erkrankung von Degus erzählen. Ganz bestimmt werde ich auch weiter am Thema dranbleiben und beim Bekanntwerden neuer Erkenntnisse an dieser Stelle berichten.
Eure Andra :-)
Hier geht es zum Diabetes-Fragebogen: Fragebogen
In der Ausgabe Nr.10 der Zeitschrift RODENTIA (November/Dezember 2002) findet Ihr einen ähnlichen Artikel von mir zum Thema "Diabetes bei Degus".
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